26 Januar 2026, 18:15 
Nicht jeder Film schafft es auf die Oscar-Liste – doch dieser hätte auf jeden Fall dazugehören sollen.
Jedes Jahr bangen viele Filmschaffende um die begehrte goldene Auszeichnung – den Oscar. Natürlich können nicht alle starken und wundervollen Geschichten nominiert werden, doch ein Film hätte 2026 in meinen Augen ganz klar eine Nominierung verdient: „Homebound“.
In dem Drama begleiten wir die Kindheitsfreunde Mohammed Shoaib Ali (Ishaan Khatter) und Chandan Kumar Valmiki (Vishal Jethwa), die in Nordindien aus Armut und gesellschaftlicher Diskriminierung ausbrechen wollen. Shoaib ist Muslim, Chandan ist Dalit an – und gehört damit zu den „Unberührbaren“. Ihre Freundschaft wird auf eine harte Probe gestellt, als sie sich gemeinsam bei der Polizei bewerben. Doch das ist erst der Anfang: Weitere Schicksalsschläge und die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie stellen die beiden jungen Männer vor immer neue Herausforderungen.
Einen ersten Einblick erhaltet ihr im Trailer:
» Video ansehen: Homebound – offizieller Trailer (OmeU)
Das Drama über die tiefe und grenzenlose Freundschaft war Indiens diesjährige Oscar-Hoffnung in der Kategorie Bester Internationaler Feature Film. Für eine Nominierung bei den Oscars 2026 hat es am Ende jedoch nicht gereicht. Warum er dennoch einen Platz auf der Nominiertenliste verdient hätte, zeigen wir euch jetzt.
Die tiefen Gräben der indischen Gesellschaft
Shoaib und Chandan stehen sinnbildlich für ein Indien, das sich auf dem Papier als säkularer Staat versteht – in der Realität aber weiterhin von tief verwurzelten sozialen und religiösen Hierarchien geprägt ist.
Besonders in kleineren Städten und ländlichen Regionen zeigt sich, dass diese Gleichheit oft kaum über den Verfassungstext hinausgeht. Finanzieller – und vor allem sozialer – Aufstieg hängt nach wie vor stark von Religion und Zugehörigkeit ab und entscheiden darüber, wer ausbrechen darf und wessen Chancen begrenzt bleiben.
„Homebound“ verleiht jenen Personen eine Stimme, die aufgrund ihres Namens von Alltagsdiskriminierung und Ausgrenzung betroffen sind, ohne mit dem Finger auf sie zu zeigen.
Heimatliebe ohne zu Hause
Der Film wirft außerdem die Frage auf, wie es ist, sich mit dem eigenen Heimatland verbunden zu fühlen und dennoch nicht darin willkommen zu sein. Chandan und Shoaib sind in Indien geboren und doch gelten sie als Außenseiter. In leisen Momenten und kleinen Gesten wird trotzdem spürbar: Dieser Film ist ein stiller Liebesbrief an die Heimat – und zeigt, dass Zugehörigkeit mehr ist als Religion oder gesellschaftlicher Status.
Weniger ist mehr: Dharma Productions macht vieles anders und trifft damit genau auf den Punkt
Dharma Productions – dem Produktionshaus hinter „Homebound“ – hat in der Vergangenheit bereits viele opulente Mainstream-Kinofilme hervorgebracht und ist vor allem für große Namen, schicke Kulissen und hauptsächlich urbane Mittelklasse-Dramen bekannt. Die Handschrift des Produktionshauses von Karan Johar steht weniger für subtile Töne als für direkte Emotionen – Filme wie „Yeh Jawaani Hai Deewani“ oder „Kalank“ sind gute Beispiele dafür: visuell opulent, emotional laut und genau deshalb auch erfolgreich.
„Homebound“ von „Masaan“-Regisseur Neeraj Ghaywan, mit Martin Scorsese als ausführendem Produzenten, ist hingegen eine ganz andere Erfahrung. Der Film bleibt leise, konzentriert sich auf Zwischentöne und trifft damit umso stärker.
Die Verzweiflung und Hoffnung der beiden Freunde und deren Familien, ihre Wut über gesellschaftliche Ausgrenzung sowie die tiefe Zuneigung zueinander entfalten sich nicht durch große Gesten oder aufwendig inszenierte Sets, sondern durch starke Dialoge und überzeugendes Schauspiel. Besonders Ishaan Khatter und Vishal Jethwa liefern beeindruckende Leistungen, die unter die Haut gehen.
Auch visuell verzichtet „Homebound“ auf die gewohnte Dharma-Ästhetik. Das dörfliche und kleinstädtische Setting wirkt ungeschönt und realistisch. Gerade darin liegt die Stärke des Films – kein Hochglanz, aber dafür viel Gefühl.
Besonders stark punktet „Homebound“ mit dem, was ungesagt bleibt – die stillen Momente, Blicke und Pausen sprechen oft lauter als Dialogzeilen. Dieses Gesamtpaket aus dem Hause Johars gab es so zuletzt in „Lunchbox“ 2013 und ist daher eine äußerst gelungene Überraschung und eine Art schönes Wiedersehen.
Ein Bild, das um die Welt ging: „Homebound“ basiert auf wahren Ereignissen
Die tragische Geschichte der beiden Freunde ist inspiriert von einem Artikel der New York Times, der während des indischen Corona-Lockdowns 2020 erschien und das Ausmaß der Krise schonungslos sichtbar machte – begleitet von einem Foto, das um die Welt ging. Um Spoiler zu vermeiden, verweisen wir an dieser Stelle lediglich auf den Beitrag von Basharat Peer. Ob ihr euch im Vorfeld näher mit dem Hintergrund befassen möchtet, überlassen wir damit euch.
Eine Oscar-Nominierung hätte diesem Teil der Welt noch einmal mehr Aufmerksamkeit verschaffen können – einer Region, die von der Pandemie besonders hart getroffen wurde.
Auch wenn „Homebound“ in vielerlei Hinsicht meiner Meinung nach ein angemessener Kandidat für eine Oscar-Nominierung 2026 gewesen wäre, sind andere Filme im Rennen, die nicht weniger wichtig sind. Beiträge wie „Die Stimme von Hind Rajab“ aus Tunesien sind ebenso von Bedeutung und stehen zu Recht im Rennen um den Oscar für den Besten internationalen Film, ebenso wie „The Secret Agent“ (Brasilien), „It Was Just an Accident“ (Frankreich), „Sentimental Value“ (Norwegen) und dem Beitrag aus Spanien – „Sirât“.
„Homebound“ findet ihr derzeit auf Netflix. Dort steht euch der Film im Original mit englischem Untertitel zur Verfügung – vorausgesetzt, ihr stellt euer Profil auf Englisch. Wo ihr die nominierten Filme 2026 hingegen schauen könnt, verrät euch dieser Artikel.